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Dieses Thema hat 20 Antworten
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 VI.3. Kann eine Anlage Kunst sein?
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OOK Offline




Beiträge: 3.657

08.11.2017 20:32
#16 RE: Tony Koester zum Thema Kunst antworten

Auf der Fahrt nach Bremen und zurück mit der DB hatte ich heute insgesamt zwei Stunden Zeit, um in Kopien von alten MR-Artikeln, Editorials und Kolumen zu blättern. Da fiel mir ein Leserbrief von einem Thomas Hawley aus Lansing, Mich., ins Auge. Den konkreten Artikel, auf den er sich bezieht, habe ich da leider nicht drangeklebt, aber es muss in der Zeit gewesen sein, als in den Staaten der "Kampf" um die Frage tobte, ob prototype modeling oder free lance modeling das Bessere oder Richtigere wäre. Tony war ja zu Zeiten seiner Alleghany Midland ein absoluter Verfechter der free lance Idee, dann brach er diese ab und machte einen Schwenk, und auf einmal war nur noch prototype modeling das Gebot der Stunde.
Diese Diskussion müssen wir hier nicht nachholen, aber Hawley schrieb etwas, was unter das Thema dieses UFOs passt:

Any art form requires the artist to inject a portion of his own soul into the piece he is creating.
Prototype replication can never achieve this. ...
Only free-lancing allows the builder to "create" rather than just "copy".


Ich gebe das hier zunächst mal unkommentiert zur Kenntnis.

OOK
http://ferrook-aril.jimdo.com/

hmmueller Offline



Beiträge: 195

08.11.2017 21:44
#17 RE: Tony Koester zum Thema Kunst antworten

Aber ... aber ... aber ... ...

Als (Auch-)Musiker fällt mir sofort die Frage ein, wer der "künstlerischere Künstler" ist: Der Komponist oder der Interpret (oder der Arrangeur)? Und eigentlich sind sich alle einig, dass das alles Künstler sind - der Interpret "kopiert" ja beileibe nicht nur die Noten, die der Komponist geschrieben hat!

Auf die Modellbahn gewendet: Ein protoype modeller bringt doch auch ganz viel "von sich" ein, von der eigentlichen Auswahl über Methoden der compression über die Meta-Ebenen, was für Art von Betrieb und Vorschriften und Signalwesen und zeitepochetypischen Vorgängen sich da auf der Modellbahn abspielt, bis hin zu der "Auseinandersetzung" selbst: Wie weit geht man in die "Prototype-Forschung" (und vergisst dabei auf die Modellbahn), wie weit geht man die physikalische Nachbildung (von niedrigen Spurkränzen angefangen über einen eigens nachgegossenen "landmark" Baum vor dem Ankunftsgebäude - gesehen vor langen Jahren bei einem Nachbau des Bahnhofs Deutsch Wagram in einem Diorama) usw.usf. - das ist doch viel mehr als "copy"?!

Oder sag ich jetzt eh nur Selbstverständliches?

H.M.

OOK Offline




Beiträge: 3.657

09.11.2017 12:44
#18 RE: Tony Koester zum Thema Kunst antworten

Zitat von hmmueller im Beitrag #17
... der Interpret "kopiert" ja beileibe nicht nur die Noten, die der Komponist geschrieben hat!
Das sagt ja schon der Name "Interpret". Und jeder, der mal ein Musikstück von unterschiedlichen Ensembles oder Orchestern gespielt gehört hat, weiß, das diese interpretieren, sonst müsse es sich immer genau gleich anhören.
Wenn aber zwei hochbegabte Hardcore-Lokomotivbauer eine bestimmte Lokomotive in 1:43,5 (Maßstab mit Bedacht gewählt) nachbauen, dann gehen wir davon aus, dass die Ergebnisse identisch sind. Interpretieren tun die Großserienhersteller, die schon mal ein Führerhaus 3mm zu lang machen, wie neulich in einem Test zu lesen, weil es aus irgendeinem Grund praktischer ist.
Aber wir sind ja hier unter Anlagenplanern. Sollte jemand den Wagemut (und die Mittel) haben, die Harzquerbahn als Anlage nachzubauen, wenn er also prototype modeling beabsichtigt, dann dürfen wir dennoch davon ausgehen, dass die Anlage eine subjektive Auswahl und Interpretation darstellen wird. Aud eben diesem Grunde habe ich mich dagegen entschieden, meine Lieblingsbahn (Südharzbahn) nachzubauen und stattdessen die Braunlage-Andreasberger Eisenbahn erlogen, die sich wesentlich besser "nachbauen" lässt..

OOK
http://ferrook-aril.jimdo.com/

HFy Offline



Beiträge: 472

10.11.2017 15:03
#19 RE: Tony Koester zum Thema Kunst antworten

In der Tat, ich habe einmal im Internet eine Aufführung von Arthur Honeggers "Pacific 231" mit Dampfmangel und Flachstellen gefunden. Dass ein Dirigent und oder Orchestermusiker keine Künstler seien, nur weil sie das Stück nicht selbst komponiert haben, wird wohl keiner behaupten wollen, nur manches gelingt besser und anderes schlechter.

Es ist übrigens die Pointe von "The Lady of Shalott" von Alfred Tennyson:

She look'd down to Camelot.
Out flew the web and floated wide;
The mirror crack'd from side to side;
'The curse is come upon me,' cried
The Lady of Shalott.

wenn die Wirklichkeit nicht in der Persönlichkeit des Künstlers (in diesem Fall der Künstlerin) sozusagen gespiegelt ist, dann wird es nichts, jedenfalls kein Kunstwerk. Aber ein noch so realistisches Gemälde oder gar eine Fotografie können Kunst sein und die früher von der Rechtsprechung geforderte "Schöpfungshöhe" haben, wenn das Werk hinreichende Individualität zeigt.
Allerdings würde ich für meine Basteleien nicht den Anspruch erheben, dass sie Kunst seien, und ich betrachte Anlagen, die eine bestimmte Vorbildsituation nachbilden, mit mehr Vergnügen als andere, weil nichts so erfinderisch ist wie die Wirklichkeit und gefundene Situationen meist einen höheren Wahrheitsgehalt als erfundene aufweisen. Nun spielt der Wahrheitsgehalt wohl in mancher Kunsttheorie auch eine Rolle, aber um des Kunstgenusses willen gehe ich nicht auf eine Modellbahnausstellung.

Herbert

HFy Offline



Beiträge: 472

10.11.2017 15:12
#20 RE: Tony Koester zum Thema Kunst antworten

Ich hatte ja schon mal erwähnt, das Jacques Le Plat die Modellbahn zur zehnten Kunst erklärt hat: http://www.ferbach.be/frames_fr/fr10eartmain1.htm

Herbert

OOK Offline




Beiträge: 3.657

14.11.2017 19:00
#21 RE: Tony Koester zum Thema Kunst antworten

Das kannte ich zum Glück nicht, als ich mein diesbezügliches Essay im Blauen Buch schrieb. Sonst hätte ich mir die Mühe gespart und einfach nur Le Plat zitiert. Andererseits ist sein Statement aber so gut und so wichtig, dass ich hier schnell eine von mir gebrezelte Übersetzung* liefere, damit auch die Foristen, die des Französischen nicht mächtig sind, dies lesen können:

Manifest der zehnten Kunst

Die Eisenbahn transportiert Menschen und Sachen. Aber abgesehen von diesem Nützlichkeitsaspekt kann sie auch Emotionen transportieren. Seit mehr als einem Jahrhundert haben Künstler aller Disziplinen sie als Sujet oder Rahmen ihrer Werke gewählt. Die Eisenbahn ist eine unter viele Aspekten betrachtenswerte menschliche Unternehmung: technisch, wirtschaftlich, politisch und sozial. Künstler nähren ihr Fieber aus den Strebungen ihrer Zeitgenossen. Deshalb konnte es nicht ausbleiben, dass sie sich auch von der Welt der Eisenbahn inspirieren lassen. Das hat uns eine Menge Meisterwerke zu diesem Thema in der Malerei, der Musik, der Literatur, der Poesie des Theaters und des Films eingebracht.

Heutzutage kurbelt auch die Modelleisenbahn die Emotionen an. Neben den Ovalen der Kinder und den rein technischen Konstrukten gibt es immer mehr Anlagen, die mit Fingerspitzengefühl die Atmosphäre eines Ortes oder einer Epoche wieder aufleben lassen. Durch die dreidimensionalen Bilder versuchen die Autoren ihre persönliche Interpretation der Realität wiederzugeben, die sie geformt hat. Und indem sie die Emotion des Betrachters anregen, wird es in der Tat ein Werk der Kunst. Eine Kunst die nicht wirklich Malerei ist, auch nicht Bildhauerei, auch nicht Theater (obschon die Züge wie Schauspieler in Szene gesetzt werden und ein gekonntes Zusammenspiel ausführen können). Eine Kunst indessen, die zumindest teilweise aus diesen drei Disziplinen hervorgeht und es verdient, anerkannt zu werden, weil zahlreiche Produkte es wert sind.

Ich habe vorgeschlagen, diese Kunst als die zehnte zu bezeichnen, da die vorhergehenden Ränge schon besetzt sind. Andere europäische Eisenbahnmodellbauer greifen mittlerweile diese Bezeichnung auf, wodurch die Modelleisenbahn in die allgemeine Eisenbahnkunst eingereiht wird. Auf diese Weise besitzt die Modelleisenbahn eine eigene Qualität: Während die richtige Eisenbahn immer in erster Linie ein Transportmittel bleibt, auch in der künstlerischen Ausformung, kann die Modelleisenbahn ihre Substanz nur aus den Träumen und der Leidenschaft ziehen, den künstlerischen Werkstoffen par excellence. Dies sollte dazu führen, dass sie als vollwertiger kultureller Faktor anerkannt und gefeiert wird.
Jacques Le Plat, März 2000.


*Möglicherweise hätte ich dazu nicht so große Lust gehabt, wenn ich nicht gerade am Wochenende in Walferdange mehrfach Gelegenheit gehabt hätte, in Le Plat's Sprache zu reden.

OOK
http://ferrook-aril.jimdo.com/

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