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Modellbahnanlagen
Planungs- und Design-Forum

für vorbildgerechten Modellbahnbetrieb

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 V.1. Betrachtungen vom Herausgeber des Buches "Anlagen-Planung für vorbildgerechten Modellbahn-Betrieb" (MIBA-Verlag)
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Beiträge: 3.501

31.08.2009 14:53
Freelancing und Prototype; Gasteditorial August 2009 Thread geschlossen

Heute ist der Ferrosophie-Betrag nicht von mir, sondern von Mike Peters. Er schrieb ihn 2004 in LDJ 29 als Editorial, als er Chefdedakteur des Blattes war.

Meine größte Sorge bei der Suche nach einem passenden Vorbild für eine Anlage ist vermutlich die gleiche, die alle anderen auch haben: Egal wie viel Forschung ich mache, egal wir sorgfältig ich jedes Detail nachstelle, es kommt der Tag, wo so ein Ich-weiß-alles-Clown in meinem Keller auftaucht und sagt: „Also, die Soundso-Bahn hätte das nie so gemacht!“ Das Attraktive an einer freelance-Anlage ist, dass niemand kommen und einen Fehler in meinem Konzept finden kann. Wirklich nicht?

Im Grunde haben alle Eisenbahnen die gleiche Aufgabe. Sie sollen Passagiere und Fracht so effizient wie möglich transportieren und dabei (hoffentlich) Geld verdienen. Zu diesem Zweck wurden im Laufe der Jahrzehnte Praktiken und Methoden entwickelt, die überall so ziemlich gleich sind. Und es wurden Normen entwickelt, die das Zusammenspiel aller Eisenbahnen sicherstellen sollten.

Auch die allerfiktivste aller Freelance-Anlagen muss sich immer noch an die Gegebenheiten des Vorbilds halten, wenn sie das Wichtigste nicht verspielen will: Plausibilität.

Der Freelancer muss sich immer wieder fragen: Was hätte eine echte Bahn in diesem Falle getan? Natürlich könnte ein Freelancer einen zehngleisigen Rangierbahnhof über eine Schlucht hinweg bauen mit einer eindrucksvollen Aneinanderreihung von Brücken, die je ein Gleis tragen. Technisch kann er dass tun, im Modell geht das. Aber es wäre derart unglaubwürdig, dass die ganze Anlage an Glaubwürdigkeit verlieren würde.
Auch wenn der Freelancer in der Lage ist, seine Szenen auszudenken, zu erfinden, muss er doch stets in der Lage sein, ihre Existenz zu begründen. In einer kürzlich in einem Forum geführten Diskussion hieß es z.B. dass man eine Gleiskonfiguration wie bei einem Timesaver wohl in den engen Häuserschluchten der Ballungsräume finden kann, dass das gleiche in einer ländlichen Umgebung mit offenen Ebenen jedoch einfach falsch aussehen würde.

Der Erfolg von Freelance-Anlagen wie die V&O von Allen McClelland oder der Utah Belt hängt weniger von der kreativen Vision ihrer Erbauer ab als von deren Bereitwilligkeit, die Praktiken und Prinzipien des Vorbildes anzuerkennen und ihr Konzept darauf zu gründen. Das heißt sich auf eine bestimmte Epoche festzulegen und nur das dazu passende Rollmaterial einzusetzen. Das heißt Landschaft und Industrien zu entwickeln, die für die Gegend, durch die die Bahn fährt, repräsentativ sind. Vor allen Dingen jedoch braucht es eine sorgfältige Kombinierung von Gedanken und Details, um all diese Elemente in einem glaubwürdiges Konzept zu vereinen, das dem Vorbild so nahe wie möglich kommt.

Das war das Problem, mit dem ich mich in den frühen Planungsstadien meiner neuen Anlage herumschlug. Ich wollte eine freelance Kohlenbahn in Colorado die zusätzlich auch Transitstrecke zwischen benachbarten Bahnen sein sollte. Ich beugte mich stundenlang über Landkarten und versuchte, meine erfundene Strecke durchs Gebirge zu trassieren. Ich schaute, wo Verbindungen zu andere Bahnen entstehen konnten. Ich untersuchte bestehende Industrien, ob sie sich als Kunde für meine Strecke eignen würden. Ich wollte jedes Detail meiner künftigen Bahn festlegen, damit alles komplett glaubwürdig sein würde. Das Problem war, je mehr ich die Existenz der Strecke zu rechtfertigen suchte, desto mehr Gründe fand ich, die ganze Idee zu verwerfen. Allmählich dämmerte mir, dass, wenn ich jedes denkbare Detail rechtfertigen müsste, damit das Konzept aufging, könnte ich ja gleich nach Colorado ziehen und dort anfangen, Schienen zu legen.

Wenn Sie den Artikel über meine Wyoming Rail Link-Anlage gelesen haben, dann werden Sie wissen, dass ich angefangen habe, eine völlig fiktive Bahn zu bauen aber dann mehr und mehr Vorbildelemente aufnahm. Ich fand es viel einfacher, beim Vorbild Anleihen zu machen als alles selber zu erfinden. Die Casper Division der BNSF lieferte mir Plätze und Industrien, die meinen Bemühungen Glaubwürdigkeit verliehen. Ihre relative Unbekanntheit erlaubte mir wiederum, die Realität hier und da zu verbiegen, ohne dass es jemand merkte.

Heißt das nun, dass ich jetzt eine Prototype-Anlage habe? Oder bin ich immer noch ein Freelancer? Ich kann beide Fragen mit Ja beantworten – und mit Nein. Das Problem ist, dass, egal wir sehr man sich auch bemüht, eine Modellbahnanlage immer beides sein wird. Natürlich kann man eine winzige Szene herauspicken und diese in jedem Detail maßstäblich nachbauen. Aber wenn man eine funktionierende Eisenbahn nachbauen will, dann wird das so nicht gehen. Immer wenn ich eine Reise in die Gegend mache, wo meine Bahn angenommenermaßen fährt, werde ich daran erinnert, wie bescheiden meine Anstrengungen, diese Gegend wirklich nachzustellen, doch sind. Mike Peters

Über eine Diskussion seiner Gedanken würde ich mich freuen.

OOK
http://ferrook-aril.jimdo.com/

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