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Modellbahnanlagen
Planungs- und Design-Forum

für vorbildgerechten Modellbahnbetrieb

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 V.1. Betrachtungen vom Herausgeber des Buches "Anlagen-Planung für vorbildgerechten Modellbahn-Betrieb" (MIBA-Verlag)
OOK Offline




Beiträge: 3.537

21.04.2010 03:22
Der Traum vom gelobten Land - April 2010 Thread geschlossen

Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Amerika, Kontinent der Verheißung, der Träume von Erfolg, Geld und Glück. Natürlich wissen wir längst, dass das alles Schimären sind. Auch dort wachsen die Bäume nicht in den Himmel, dort gibt es mehr Arbeitslosigkeit und Elend als hier, und die großen Wirtschaftskrisen der Welt gingen auch immer von dort aus.

Als Sechzehnjähriger träumte ich davon, einst nach Amerika zu gehen und ein tolles, ein phantastisches Leben zu haben. Seit einigen Jahrzehnten bin ich in der Lage, wenn ich es denn will, mir ein Flugticket irgendwohin in die USA zu kaufen und mir dort alles anzuschauen, was ich möchte. Und ich habe es nie getan.

Mit sechzig sieht man manches illusionsloser als mit sechzehn, und zehn Jahre später noch mehr. Wenn ich Reportagen über was auch immer in den USA sehe, sehe ich auch immer mit geübtem Auge das weniger Schöne, was hinter den Dingen ist. Nur auf einem einzigen Gebiet hat sich meine Vorstellung eines gelobten Landes erhalten: bei der Modelleisenbahn.

Jahrzehnt für Jahrzehnt blättere ich allmonatlich den neuen Model Railroader auf uns sehe (mindestens) eine wunderschön gestaltete Anlage, auf der mehrere Modellbahner miteinander regelrechten Eisenbahnbetrieb veranstalten. Oftmals wird berichtet, dass mehrere Teilnehmer daheim ebensolche Betriebsanlagen haben und man sich reihum beim einen, beim anderen, beim dritten trifft. Wow!

An der Schwelle der Siebziger- zu den Achtzigerjahren gründete ich den FREMO mit dem Programm, für mehr Anlagen zu trommeln – und für mehr Betrieb. Nun, der Modellbahntrieb ist auf diese Weise in der Tat nach Europa gekommen, der Name FREMO steht heute für hochkarätigen Betrieb auf riesigen Modulsystemen. Toll, da kann ich mir was drauf zugute halten.

Mit dem Traum von mehr Anlagen hat es weniger gut geklappt. Nicht von der Sorte Anlagen, die ich meine, zumindest. Nun bin ich aber einer, der zumindest versucht, das, was er predigt, auch zu leben, und baute ab 1992 die hier nicht ganz unbekannte BAE.
Wenn auch die dritte Version noch nicht ganz fertig ist, ist sie doch so, wie ich es meinte und wollte: unter Anwendung vieler aus amerikanischen Publikationen gelernter Planungs- und Design-Tricks und Techniken entwickelte ich einen linearen point-to-point-Gleisplan, der optimal für einen walk-around-Betrieb ausgelegt ist.

Mein diesbezügliches Sendungsbewusstsein war, nachdem der FREMO eine andere Richtung genommen hatte und das Thema Anlagen aus dem Programm entfernt hatte, irgendwann wieder nachgewachsen und suchte neue, moderne Wege, Modellbahner anzusprechen und ihnen die Möglichkeiten des Anlagen-Design und des Modellbahnbetriebs schmackhaft zu machen. Was dann über das e-book schließlich zu diesem Forum führte.

Das machte eine Weile lang richtig Freude, eine erlesene Auswahl an Modellbahnern auf dem Weg zu einer raffiniert geplanten, betriebsorientierten Anlage zu begleiten. Und es machte auch Spaß, mit einem kleinen erlauchten Zirkel über allerlei spezielle Aspekte und Teilaspekte der Anlagenplanung zu diskutieren.
Weniger intensiv wurde über die Hauptaspekte des Anlagen-Design diskutiert. Der – aus meiner Sicht – entscheidende Mangel war, dass es zu wenige gab, die das Anlagen-Design zu ihrem Thema machten und die Lust hatten und in der Lage waren, ab und an einen ausgeklügelten Gleisplan in grafisch ansprechender Form einzubringen und zur Diskussion zu stellen, und auch zu wenige, die bereit war, ihren Entwürfen mehr als eine Zimmerecke oder ein Regal zur Verfügung zu stellen.

Da wurde dann argumentiert, in Amerika – eben doch gelobtes Land – seien die Wohnungen wesentlich größer und man habe dort eben eh mehr Platz. Ich habe das nie geglaubt. Auch auf der anderen Seite des Atlantik wohnen Millionen von Menschen in kleinen Wohnungen in Hochhäusern und Mietskasernen, so klein, dass kaum für eine winzige N-Anlage Platz wäre.

Meine Erkenntnis ist – und der liegt sehr aufmerksames Lesen zugrunde – dass es drüben größere Bevölkerungsgruppen mit solidem Einkommen und Wohnraum gibt, die sich die Modelleisenbahn zum Hobby erkoren haben, Bevölkerungsgruppen, die hierzulande an Wochenenden mit Pferdeanhängern durchs Land fahren oder mit edlen Oltimern oder sonstwie lifestyle pflegen. Ein deutscher Landwirt, der eine alte Scheune nicht mehr braucht, vermietet sie als Winterlager für Yachten oder als Reithalle, während ein amerikanischer Farmer schon mal auf die Idee kommt, das alte Teil zu restaurieren, ihm eine Isolation und einen wohnzimmerartigen Innenausbau zu spendieren und – genau – darin eine Modelleisenbahn-Anlage zu bauen.

Hier bei uns werden die Bevölkerungsgruppen, denen für eine Anlage mehr als zwanzig Quadratmeter zur Verfügung stünde oder steht, entweder keine Modellbahner, oder sie werden es heimlich, lassen sich von Herrn Brandl eine Superanlage bauen, die toll aussieht, aber zu nichts zu gebrauchen ist, als zum Züge Herumfahrenlassen. Und wenn eine solche Anlage dann doch mal in Publikationen gezeigt wird, dann anonym. Die Nachbarn sollen es nicht wissen, die Geschäftsfreunde erst recht nicht.

Jetzt könnte man mir natürlich vorhalten, ich sähe die Szene drüben zu sehr durch die rosarote Brille, dort sei auch nicht alles Gold, was glänzt. Ich fing auch schon an, an meinen Vorstellungen zu zweifeln – bis ich vor einigen Tagen einen Link zur Jahrestagung 2010 der NMRA erhielt: http://www.nmra75.org/default.htm

Die findet heuer zum 75. Male statt und zwar dort, wo alles seinen Ausgang nahm: in Milwaukee, wo A.C. Kalmbach und Wm.Walthers diese nationale Vereinigung mit gründeten. Das Programm dieser Veranstaltung mit dem der Veranstaltungen unserer Verbände zu vergleichen, wäre einen heftigen Leitartikel wert, das möge aber jeder selber tun.
Ich greife hier nur einen Punkt unter vielen heraus: die so genannten layout tours. Da werden vom Tagungshotel aus Bustouren organisiert, auf denen zwischen drei und acht sehenswerte Anlagen besucht und in Betrieb erlebt werden können. (Ich habe das in den ersten FREMO-Jahren auch einmal versucht, über zwei Anlagen kamen wir nicht hinaus.)

Wieviele solcher Bustouren, die zwischen 35 und 45 $ kosten, gibt es? Lumpige 29 (kein Tippfehler: neunundzwanzig). Da kommen mir die Tränen. Das allein lässt mir weiterhin die USA in modellbahnerischer Hinsicht als gelobtes Land erscheinen. Ach, und dann gibt es ja noch die Layout Design
Special Interest Group, deren Mitglied ich bin. Die organisiert noch mal, zusammen mit der Operations Special Interest Group ganz spezielle Anlagentouren, wo die Anlagen unter den Gesichtspunkten des Design und des Betriebs ausgesucht sind. Hier sind es 29 (kein Tippfehler: neunundzwanzig) Anlagen, die auf der Agenda stehen und man kann sich selber die Wunschanlagen zusammenstellen, die man in einer bestimmen Zeit schaffen will.
Diese Touren gibt es alljährlich, diesmal liegt der Tagungsort in der Bannmeile der Redaktion des Model Railroader, so dass mit David Popp, Andy Sperandeo, Jim Hediger und Jim Kelly immerhin vier Redaktions-Ikone des MR besucht werden können. Na, wäre das nicht mal eine Idee, bei einer unserer großen Modellbahnereignisse die Anlagen der Redaktionsmitglieder großer Modellbahnzeitschriften zu besichtigen?

Ja, ich weiß, da wird nichts draus. Und aus meinem Traum, die hiesige Modellbahnszene etwas mehr in Richtung komplexer Heimanlagen zu bewegen, auch nicht. Ich werde mich bescheiden in meinen Eisenbahnkeller zurück ziehen und mit meinen Freunden, gar nicht mal wenige, weiter an der BAE bauen und sie gemeinsam betreiben. Und falls jemand nun meint, ich würde mich vergrämt und traurig verkriechen, der frage meine Freunde, ob das so stimmt.

OOK
http://ferrook-aril.jimdo.com/

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