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Modellbahnanlagen
Planungs- und Design-Forum

für vorbildgerechten Modellbahnbetrieb

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 V.1. Betrachtungen vom Herausgeber des Buches "Anlagen-Planung für vorbildgerechten Modellbahn-Betrieb" (MIBA-Verlag)
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Beiträge: 3.501

22.01.2009 22:08
In Erinnerungen schwelgen - Januar 2009 Thread geschlossen

Bei der BAE II, meiner 35qm großen Modellbahnanlage in Bremen, die ich leider wegen Umzug kassieren musste, habe ich etwa sechs bis achtmal im Jahr mit meinen Freunden Betrieb gemacht. Mal kamen nur zwei, mal kamen vier oder gar fünf. Und alle wollten beschäftigt sein. Nun hatte ich es zwar im Laufe der Zeit auf vier funktionierende Triebfahrzeuge gebracht und konnte daher vier Lokpersonale beschäftigen, sprich vier Personen.
Aber man kann nicht einfach so vier Triebfahrzeuge auf eine digital gesteuerte eingleisige Strecke schicken, zumal man von einigen Stellen die weiterführende Strecke nicht einsehen konnte. Das hätte ein munteres Hauen und Stechen gegeben, sprich eine Folge von Zusammenstößen.

Deshalb fuhren wir grundsätzlich nur nach Fahrplan. Jeder Lokführer bekam einen „Buchfahrplan“ in die Hand. Das Wort steht deshalb in Anführungszeichen, weil es meist nur Einzelblätter in Postkartengröße waren, mit einer Klammer zusammengehalten, ein Blatt je Zug, den der betreffende Lokführer zu fahren hatte. Da standen dann die genauen Abfahrtzeiten von jeder Station drauf und auch Angaben darüber, wo mit welchem Zug zu kreuzen war, wo überholt werden sollte, etc.

Faszination und Schrecken jedes Mitspielers war der große Nahgüterzug, der einmal am Tag die ganze Strecke hin und zurück abfuhr und auf allen Stationen rangierte. Der Lokführer für den Ng (einen pro Richtung) wurde im Losverfahren ermittelt. Da gab es Betriebssessions, wo ein erfahrener Lokführer wenig zu tun, sprich zu rangieren hatte und ständig vor Plan fahren wollte, und es gab Sessions, wo ein Neuling, der noch wenig Rangiererfahrung hatte, mit einer nicht enden wollenden Zahl von Rangierbewegungen konfrontiert wurde. Dann summierte sich eine Verspätung zur anderen, und bald war das Chaos perfekt.

Was soll denn der Lokführer eines Personenzuges tun, der laut Buchfahrplan, sagen wir in Schlufterhütte mit dem Ng zu kreuzen hat, dieser Ng aber infolge Verspätung noch zwei Stationen zurück ist? Stundenlang warten? Mit dem Zug voller Reisenden? Wohl kaum. Einfach weiterfahren? Holla! Wenn der Ng dann gerade um die nächste Bergnase herum entgegen kommt?

Genau deswegen hatten wir nicht nur einen Fahrplan, sondern auch einen Zugleiter. Ohne den drehte sich kein Rad, zumindest nicht außerhalb der Bahnhöfe. Alle Stationen hatten Telefone und man musste vor der Ab- oder Weiterfahrt den Zugleiter anrufen und um Erlaubnis nachfragen, auch, wenn man exakt pünktlich war.
Dieser Zugleiter hatte ein eigenes „Büro“. Das steht auch wieder in Anführungszeichen, weil es nur ein lausiger Verschlag im Keller mit kleinem Schreibtisch, Uhr und Fernsprecher war. Ursprünglich hatte der Zugleiter in der Werkstatt unter dem Bahnhof Schluft gesessen, aber das hatte uns nicht gefallen. Er hörte den Lokführer, der ihn anrief, direkt, und so wirkte das Telefonieren gefäikt. Außerdem hörte er die Gespräche der Mitspieler untereinander und konnte auch spüren, wer in welchem Bahnhof war. Das alles war dem angestrebten Realismus abträglich, weshalb ich das Büro in den Keller verlegte.

Wenn ich das jemandem erzählte, der von Modelleisenbahn wenig oder keine Ahnung hatte, kam stets die erstaunte Frage: „Und wie kriegste jemanden dazu, diesen Job zu machen?“ Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass jemand freiwillig mutterseelenallein im Keller sitzt und nur per Telefon davon unterrichtet wird, was seine Freunde da oben mit ihren schönen Zügen treiben.

Fakt ist, dass wir losen mussten. Nicht, wer dazu verurteilt wird, sondern wer von den Bewerbern, die wollten, denn durfte. Es hat nur einen Fall gegeben, wo einer nach dem ersten Versuch bat, diesen Job nicht mehr machen zu müssen, alle anderen wollten ihn immer wieder. Warum wohl?

Ganz einfach: es ist der realistischste Job bei der ganzen Modellbahnerei. Ein Modellbahnzugleiter macht das gleiche, was ein echter Zugleiter auch tut. Der sieht nämlich die Züge, die er leitet, in der Regel auch nicht, allerhöchstens, wenn sie gerade vor seinem Fenster vorbeifahren. Der Modellzugleiter hat einen grafischen Fahrplan vor sich, aus dem er ersieht, wann und wie die Züge fahren, wo sie kreuzen und/oder überholen sollen. Er bekommt Meldungen über den tatsächlichen Standort der Züge und Anfragen, ob sie hier oder dorthin fahren dürfen. Er hat die Zusammenschau der aktuellen Betriebssituation und kann daher entscheiden, ob Kreuzungen verlegt oder andere Maßnahmen zur Eingrenzung von Verspätungen ergriffen werden müssen.

Und der Junge ist bei vier Fahrpersonalen voll im „Stress“. Alle paar Sekunden klingelt der Fernsprecher, Anfragen kommen und Zuglaufmeldungen, die er in das Belegblatt einzutragen hat. Manchmal hätte er gern drei oder vier Hände. Zwei Kreuzungen passieren fast gleichzeitig, die eine planmäßig, die andere wegen Verspätung des Ng an einem anderen Ort, als im Fahrplan steht.

Und deswegen macht so ein Zugleiter natürlich auch Fehler. In der großen Realität heißt das dann „menschliches Versagen“ und kann böse Folgen haben. Der Modellzugleiter muss sich dann gelegentlich den Spott seiner Mitspieler gefallen lassen. Meine Wenigkeit zum Beispiel. Ich hatte einem Zug in Sonnenberg Erlaubnis zur Fahrt nach Schlufterhütte geben. Kaum war das passiert, kam ein Anruf aus Sieber, ob man nach Schluft fahren dürfe. Klar, durfte man. Wieder Telefon: Darf Zug Sowieso von Sonnenberg nach St. Andreasberg fahren? Klar, warum nicht, auf der Andreasberger Strecke gab es eh keinen zweiten Zug, also ja.

Was ich nicht bedacht hatte, war, dass der Zug, dem ich Ausfahrt nach Schlüfterhütte gegeben hatte, eventuell den Bahnhof noch nicht komplett verlassen haben könnte, denn diese Erlaubnis lag nur dreißig Sekunden zurück. Wenn der Zug nach St. Andreasberg sofort losgefahren wäre, wären sich die beiden Züge an der letzten Weiche vor der Streckentrennung in die Flanke gefahren. Zum Glück haben meine Jungs aufgepasst und es ist nix passiert. Aber angepflaumt haben sie mich natürlich. Peinlich, wenn so einem alten Hasen so was passiert.

Ein anderes Mal, als ich Zugleiter war, hatte der Nahgüterzug Sieber – Braunlage bereits in Schluft, seiner ersten Station, eine Stunde Verspätung gemacht und ich dachte darüber nach, wie ich diese Verspätung reduzieren könnte. Ich rief in Schluft an und fragte nach, ob der Zug Wagen für Schlufterhütte habe. Ja, einen, hieß es, Kohle für die Hütte. Zu dumm. Zur Bedienung des Hüttenanschlusses musste die Lok um den Zug herum fahren und nach Abstellen des Wagens erneut, um wieder an die Spitze zu kommen. Das würde wieder zu lange dauern. Also ordnete ich an, in Schlufterhütte durchzufahren und den Kohlewagen in Sonnenberg auszusetzen, wo er vom Gegenzug an der Spitze eingestellt und wieder mit runter genommen werden könnte. Der würde dann mit einer einzigen Bewegung ohne Umfahren den Wagen zustellen können.

Meine Idee war gut. So würde der Ng einen Teil seiner Verspätung wieder einholen und fast pünktlich in Sonnenberg sein. Aber das war zu schön, um wahr zu sein. Telefon. Diesmal war es keine Zuglaufmeldung. Eine barsche Stimme rief: „Holzapfel, Direktor der Schlufter Hütte. Ich habe gerade unseren sehnlichst erwarteten Wagen mit Kohle hier vorbeifahren sehen. Der Zug ist einfach durchgefahren. Frechheit!“ Ich fing an, eine Antwort zu stammeln, aber er raunzte weiter: „Wenn dieser Wagen nicht binnen einer Stunde hier auf unserem Anschluss steht, lassen wir die Kohle künftig per LKW kommen. Ende!“ Ich hörte richtig, wie er den Hörer auf die Gabel knallte.

Das ist jetzt kein Jägerlatein. Nee, das war Ivo Cordes. Der war nämlich der Lokführer des Ng und für eine Minute in die Rolle des Direktors der Schlufter Hütte geschlüpft. Die Idee war ihm spontan gekommen, als ich ihm Anweisung gegeben hatte, in Schlufterhütte nicht zu halten.

Aber das ganze Theater hatte etwas total Realistisches und ich reagierte entsprechend. Ich schickte den Wagen sofort mit einer Sonderfahrt nach Schlufterhütte zurück. Und dafür kam natürlich keine andere Lok als die des besagten Ng in Frage, denn einem Personenzug konnte ich ja schlecht die Lok wegnehmen. Außerdem fuhr der nächste Zug von Sonnenberg in Richtung Sieber erst in gut einer Stunde (Modellzeit!) Das Ende von Liede war, dass ich die Verspätung des Ng nicht halbiert, sondern verdoppelt hatte. Das kommt davon, wenn man neunmalklug sein will.
Tja, das sind so die Kleinigkeiten, die die Würze im Leben eines Zugleiters ausmachen. Das ist im Modell nicht anders als in der Realität.

OOK
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