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Dieses Thema hat 7 Antworten
und wurde 470 mal aufgerufen
 III.1. Konzeptionelle Grundüberlegungen
Gilpin Offline




Beiträge: 741

24.07.2017 23:04
Forced perspective antworten

Hi Alle,

in der Juni-Ausgabe des Railroad Model Craftsman schreibt der wunderbare Kolumnist Bob Walker*:

"Forced perspective is a wonderful illusion...for visitors, not you. You see, you know that background model is too small! You built it. Your visitor only glances at it and does not note the actual size, only the effect. It usually works, particularly on non-modelers. I have an H0 mine flat on the wall above my full 0-scale ore bin. The tram line between the two has two ore buckets hanging there about a third of the way apart. The far on is h0, and the near on is S scale. The effect works well (on visitors)."

Und auf deutsch:

Forced perspective** ist eine wundervolle Illusion... für Besucher, nicht für Dich (selbst). Siehst Du: Du weißt, dass das Hintergrundmodell zu klein ist! Du hast es gebaut. Dein Besucher schaut nur flüchtig danach und nimmt die tatsächliche Größe nicht wahr, nur die Wirkung. Gewöhnlich funktioniert es, besonders mit Nicht-Modellbauern. Ich habe ein H0-Minen-Relief auf der Wand oberhalb meines Erzbunkers in vollem 0-Maßstab. Die Materialseilbahn*** zwischen den beiden hat zwei Erzloren, die dort ungefähr ein Drittel des Weges auseinander hängen. Die ferne ist H0 und die nahe ist im S-Maßstab. Die Wirkung ist gut (auf Besucher).

Ich selbst bin konträrer Meinung: ich denke, dass dreidimensionale Gebäude eine echtere Wahrnehmung vermitteln als flache Abbildungen, mit Reliefs als Kompromiss. Nur geht's nicht bloß um Meinung: Walker führt das Eigenerleben und die geäußerte Wirkung auf Besucher an, also Erfahrung/Empirie. Was könnt Ihr diesbezüglich berichten?

Schöne Sommertage,
Gilpin

* Railroad Model Craftsman, Whiteriver Productions, Bucklin MO, June 2017. Rob Walker bringt hier die umpteenthunddrölfte Folge seiner Kolumne Scratchbuilder's Workshop, die sich eigentlich um's Basteln dreht und mitunter unsagbar komisch ist.
** Das ist genauso schwierig zu übersetzen wie Selective Compression...
*** tram kann auch anderes bedeuten, wie etwa in Gilpin Tram, anhand eines beigegebenen Fotos ist das aber so zu verstehen.

Pfalzbahn Offline




Beiträge: 1.487

26.07.2017 14:53
#2 RE: Forced perspective antworten

Zitat von Gilpin im Beitrag #1
Forced perspective**

...

** Das ist genauso schwierig zu übersetzen wie Selective Compression...

Eigentlich nicht: Erzwungene Perspektive

Wobei diese wohl diese auch bei dem Erbauer funktioniert, so lange er nicht darüber nachdenkt! ;-)

Grüße Hubert

"Sir, we are surrounded!" - "Perfect, so now we can attack in every direction!"

JBS Offline




Beiträge: 135

27.07.2017 12:51
#3 RE: Forced perspective antworten

Moin,

wie immer der Begriff dafür ist - ich kann dem wenig bis nichts abgewinnen.
Statt Erbauer- vs. Besuchereindruck würde ich eher zustimmen, wenn es hieße Modell- vs. Fotoeindruck.

Allenfalls könnte ich mir einen sinnvollen Effekt bei sehr großer Anlagentiefe (mit Eisenbahn nur in greifbarer Entfernung) vorstellen - aber wer baut sowas?

Viele Grüße,
Johann

http://null.4jbs.de

lokonaut Offline



Beiträge: 113

27.07.2017 13:33
#4 RE: Forced perspective antworten

Zitat von JBS im Beitrag #3
Allenfalls könnte ich mir einen sinnvollen Effekt bei sehr großer Anlagentiefe [...] vorstellen

Hallo Johann,

ich würde eher sagen: Je geringer die Anlagentiefe, um so sinnvoller wird so was (allerdings gibt es natürlich eine Untergrenze).

Leider nie persönlich gesehen, sondern mir nur von Bildern bekannt: Jacque Le Plats Ferbach mit seiner perspektivisch frisierten Fabrik. Das sorgte zumindest auf den Fotos für eine subjektiv große Anlagentiefe.
Abseits der Modellbahn sieht man solche Perspektiventricks übrigens häufiger, z.B. im Theater. Und dort funktioniert das erstaunlich gut.

Hier mal ein einfaches Beispiel, dass solche optischen Täuschungen (ich denke, das wäre der Überbegriff für solche Perspektiventricks) sogar funktionieren, wenn man den Trick kennt, hier also, dass Männlein und Weiblein gleich groß sind:


Zumindest mein Hirn ist da trotz besseren Wissens nicht gewillt zu glauben, dass die Figuren genau gleich groß sind.

Kurzes Abdriften ins Philosophische: Ich glaube schon, dass man als Modellbauer bzw. -bahner den Fokus oft zu sehr auf Maßstäblichkeit legt und dabei die Wirkung auf den Betrachter vernächlässigt. Da kann man von "echten" Künstlern noch viel lernen - falls man denn dazu bereit ist.

Zurück zur MoBa: Das letzte mal, dass ich mich (unbewusst) mit dem Begriff beschäftigt habe, war Huberts Vorstellung vom Bahnhof Bullay (Bullay Kleinbahnhof), wo man die höher liegende Staatsbahn doch durchaus auch "eine Nummer kleiner" (sprich: N statt H0) darstellen könnte. Ob mit Bahnhof oder als reine "Paradestrecke" sei mal dahin gestellt. "Komisch" dürfte das ganze lediglich aussehen, wenn die unterschiedlichen Maßstäbe ohne ausreichende räumliche Trennung aufeinandertreffen. In Bullay wäre das im Bereich der Überführung der Hauptbahn über die Kleinbahn. Spätestens wenn dort gleichzeitig Züge zu sehen sind, dürfte die Illusion dahin sein.

Es würde mich jedenfalls schon mal interessieren, welche Modellbahner sich schon mal an der "Forced Perspective" versucht haben.

Viele Grüße aus Südhessen

Alexander

517 008 Offline



Beiträge: 76

27.07.2017 16:11
#5 RE: Forced perspective antworten

Hallo zusammen,

meiner Meinung nach funktioniert das nur dann, wenn die Perspektive und der Blickwinkel passen. Daher ist das sicher bei "Schaukastenanlagen" gut geeignet, aber bei einer Heimanlage stelle ich mir das schwierig vor, speziell wenn man von schräg oben drauf schaut. Solang man nur frontal auf eine Szene in Augenhöhe schaut, lässt sich das Auge gut täuschen.

Grüße, David

OOK Offline




Beiträge: 3.501

29.07.2017 12:20
#6 RE: Forced perspective antworten

Ich habe noch nie das Mittel der "erzwungenen Perspektive" absichtlich eingesetzt, unwillkürlich schon. Hier ein Bild aus dem BAE-Buch (S. 251):



Im Bildtext heißt es: 40cm Höhe erreicht die Fichte im Vordergrund. ... Die ca. 20cm hohen Noch-Fichten an der Hintergrundkulisse sind ca. 70cm von der Anlagenkante entfernt und ergeben eine perspektivische Tiefenwirkung.

Und damit komme ich zur Eindeutschung des Ausdruckes "forced perspective". Meines Erachtens geht es gar nicht um Perspektive, sondern um Tiefenwirkung, die durch mit zunehmendem Abstand von der Anlagenkante kleiner werdende Einzelheiten verstärkt wird. Vielleicht sollten wir tatsächlich lieber "erzwungene Tiefenwirkung" sagen.

OOK
http://ferrook-aril.jimdo.com/

Kabees240 Offline



Beiträge: 101

29.07.2017 15:15
#7 RE: Forced perspective antworten

Zitat von OOK im Beitrag #6
Vielleicht sollten wir tatsächlich lieber "erzwungene Tiefenwirkung" sagen.


Gefällt mir viel besser. Für mich hatte ich schon "verstärkte Tiefenwirkung" übersetzt. Als ich erzwungene Perspektive gelesen hab, habe ich erstmal an einen Anglizismus gedacht. Der optische Trick ist alt, für den Gebrauch des Begriffs "erzwungene Perspektive" gibt es aber offenbar keinen alten Beleg, der wäre sonst sicher im Wiki zitiert. Der fehlt im englischen und im französischen Wiki übrigens ebenfalls.

Gruß

Hans

Gilpin Offline




Beiträge: 741

30.07.2017 10:22
#8 RE: Forced perspective antworten

Hallo alle Linguisten,

so haben wir eine schlechte "Übersetzung" durch das scheinbar gleiche deutsche Wort vorliegen:

Perspective ist laut Oxford Advanced Learner's Dictionary "the art of creating an effect of depth and distance in a picture by representing people and things that are far away as being smaller than those that are nearer the front", also genau das, was Bob Walker mit seinen Gebäuden und Loren sowie Otto mit den kleineren Tannen gemacht haben. (Ich habe natürlich auch das BAE-Buch auf Beispiele hin durchsucht, griffgünstig wie's nun mal liegt, aber die Fichten nicht bemerkt.)
Perspektive ist laut Duden eine "den Eindruck des Räumlichen hervorrufende Form der (ebenen) Abbildung, ... bei der Parallelen, die in die Tiefe des Raums gerichtet sind, verkürzt werden und in einem Punkt zusammenlaufen". Es geht in beiden Sprachen um das gleiche Thema, aber doch mit verschiedener Schwerpunktsetzung – der Punkt geht wohl an Otto. Also: Tiefenwirkung.

Ich hadere noch ein wenig mit dem "erzwungen": die Wirkung wird sicher provoziert, hervorgerufen, angeregt u.ä., aber erzwungen? Unausweichlich ist der Eindruck ja nur bei den von David beschriebenen Guckkästen, auf einer Anlage kann man sehr wohl denken "Was soll denn das N-Gebäude auf dem Hügel?" (...der H0-Anlage.) Und dann klingt doch "verstärkt" schon mal sehr gut! Punkt an Hans. Verstärkte Tiefenwirkung.

Besten Dank an Hubert, der hier nicht nur eine sprachwissenschaftliche Debatte losgetreten hat:

Bleibt nämlich die Bemerkung von David, dass der Trick eher bei frontaler Sicht funktioniert – das wäre bei hoher Anordnung der Anlage oder einer oberen Ebene aber der Fall –, und weit weniger, wenn man von schräg oben schaut. Völlig klar: fast immer machen die Augen eine Bewegung nach oben, wenn wir in die Ferne sehen wollen. Um Ferne durch verstärkte Tiefenwirkung zu generieren, brauchen wir also mehr als ein paar kleine Gebäude:
- Distanzwahrnehmung muss den Schwenk des Blicks nach oben provozieren, das hatten wir schon,
- hinzukommen muss (eine noch so kleine) Zentrierung der Augenachsen, hervorgerufen durch eine tatsächliche Zunahme der Entfernung,
- wir werden die Augen fokussieren müssen, um Details zu erkennen – diese sollten wir also super fein ausbilden oder weglassen.

Soviel zur Physiologie – zur Wahrnehmungspsychologie mache ich gern mal ein neues Fass auf – dies als völlig verunglückte Übersetzung von thread,

bis dahin,
Reiner

Schade, dass Fett- und Kursivschrift und die Ferrovikons mal wieder nicht funktionieren!

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