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Dieses Thema hat 34 Antworten
und wurde 1.506 mal aufgerufen
 X.3. Der Modellbahner
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OOK Offline




Beiträge: 3.501

25.03.2017 21:24
Hyperrealismus antworten

Wer hat das Wort auf- bzw. hier eingebracht? Pfalzbahn, Gilpin? Keine Ahnung, ist aber auch egal. Es ist nun mal in dieser Forum aufgetaucht - und das finde ich interessant. Lt. Wikipedia bedeutet die griechische Vorbilde hyper im Deutschen "über, mehr als". Etwas Hyperrealistisches wäre also mehr als realistisch, über das Realistische hinaus gehend. Surrealistisch ist das Gleiche, nur dass man da eine lateinische Vorsilbe gewählt hat.
Ich will nicht lange herumargumentieren: Hyperrealismus kann es auf einer Modellbahnanlage eigentlich nicht geben, denn realistischer als realistisch geht nicht. Man kann allenfalls den Realismus auf die Spitze treiben.

Da passt es gerade gut , dass im jüngsten Mailing des VGB-Verlages zwei ganz verschiedene Bücher direkt untereinander präsentiert werden: "Der Purist" von Willy Kosak (Herausgeber von Hp1-Modellbahn (Edelvariante) und Die Braunlage-Andreasberger Eisenbahn von, na ihr wisst schon ...
Bei der Beschreibung des erstgenannten Buches steht u.a. "Das Buch zeigt in drei Hauptabschnitten, was „Eisenbahn-Modellbau heute“ bedeutet: Gleisbau, der sich kompromisslos am Vorbild orientiert, Fahrzeugbau, dessen Detaillierungstiefe das in H0 Machbare auslotet, und Landschaftsbau, der die Grenze zwischen Natur und ihrer Nachbildung verschwimmen lässt."
Willy Kosak hat sich mal mit dem Ausspruch unsterblich gemacht "Kann denn Elite Sünde sein?" Willy Kosak ist mit Sicherheit einer, der den Realismus in der Modellbahn "auf die Spitze treiben" will. Aber selbst wenn ihm das in bestimmten Bereichen gelingt, weiter als bis an die Spitze kann auch er nicht kommen, auch er kann nichts Hyperrealistisches herzaubern.

Wenn ich sagte "in bestimmten Bereichen" bedeutet das eben auch "in anderen Bereichen nicht". Zum Beispiel im Bereich Betrieb. Das ist nicht Willy Kosaks Ding - wie übrigens vieler anderer Modellbahnern die Lokomotiven supern bis zum geht-nicht-mehr auch nicht. Auf meiner BAE wiederum wird ein Betrieb durchgeführt, der einer bestimmten Betriebsart (Zugleitsystem) des Vorbildes sehr nahe kommt. Aber selbst wenn wir das zu 100% erreichen würden, wäre das auch nur realistisch und nicht überrealistisch.

Kommen wir zum Gleisbau, wo ja der Begriff, zumindest von Pfalzbahn, benutzt wurde. Willy Kosak hat das so genannte angeblich kompromisslose H0pur erfunden, für das er sogar Markenschutz erhalten hat. Es hat seine Anhänger, aber nicht genug, als dass man von einem Durchbruch reden könnte. Das was wir in den normalen Modellbahnzeitschriften (MIBA und Co) sehen, ist, auch wenn besonders realistische Gleise und Weichen gezeigt werden, immer längst noch nicht H0pur. Von Hyperrealismus eh keine Spur. Aber zwischen einem sehr realistischen Weinertgleis in echtem Schotter und Märklin C-Gleis mit Schaumgummibettung liegen Welten. Man kann sich aus pragmatischen Gründen für Letzteres entscheiden, das ist aber kein Grund, realistischere Gleise als Hyperrealismus in eine Ecke zu stellen. Mein Vorschlag: Lassen wir das Wort einfach wieder weg. Da es H. nicht geben kann, wie ich bewiesen habe, brauchen wir auch das Wort nicht.
Aber: Das Streben nach immer mehr Realismus ist nichts Schlechtes, im Gegenteil. Wie weit er bei diesem Streben mitzieht, ist eh jedem selbst überlassen. Hubert erwähnt die von Allen McClelland geprägte "good-enough-philosophy", der auch ich anhänge. Nur liegt die Marke für das "good-enough" bei mir in einigen Bereichen höher als bei anderen und in einigen Bereichen niedriger. Ich baue meine 0m-Gleise bekanntlich selber und bin damit zweifelsfrei weit oberhalb von Fama/Roco 0m-Gleisen. Aber im Vergleich zur Vorbildtreue von H0pur sehe ich damit ziemlich alt aus.

OOK
http://ferrook-aril.jimdo.com/

Gilpin Offline




Beiträge: 742

25.03.2017 23:04
#2 RE: Hyperrealismus antworten

Hallo Otto,

zu Deiner einleitenden Frage:

Zitat von OOK im Beitrag #1
Wer hat das Wort auf- bzw. hier eingebracht? Pfalzbahn, Gilpin?
gibt es eine sybillinische Antwort: Hubert in's Forum, nach einer privaten Mail meinerseits an ihn. Und danach haben Hubert und ich eine pragmatische, nicht jedoch grundsätzliche Erörterung angefangen (und niemanden in eine Ecke gestellt) - die uralte Frage nach der Relation von Aufwand und Nutzen. Schön getrennt von irgendetwas persönlichem: ich bin der mit dem
Zitat von OOK im Beitrag #1
sehr realistischen Weinertgleis in echtem
aber bahnhofstypisch flachem Schotter (namentlich den neueren, kürzeren Weichen(bausätzen)), wohingegen Hubert das Märklin C-Gleis einsetzt - mit gut nachvollziehbarer Begründung. Das mit der
Zitat von OOK im Beitrag #1
Schaumgummibettung
verstehe ich jetzt nicht: der Knackpunkt des Märklin-(und Trix-)Gleises liegt doch gerade darin, dass es den Schotter gleich mitliefert. (Und plötzlich kommt Roco daher und legt das eigene eingeschotterte Gleis wieder auf...)

Natürlich habe ich auch Hp1-Modellbahn eine Zeitlang gelesen - und irgendwann aufgehört, nachdem mir auffiel, dass die Feinstdetaillierung von Gleisbefestigungsschrauben und underbody details von PwGs dazu führte, dass als Anlagenkonzepten praktisch Dioramen immer kleiner werdender Nebenbahnendbahnhöfe übrig blieben. Ansonsten schleiche ich seit Jahrzehnten um den Verkaufsstand der Hobbyecke Schumacher herum, wo immer er aufgebaut wird - und verzupfe mich praktisch wortlos...

Was wir mit dem Wort machen, ist eine andere Frage - worum es geht ist etwas anderes, und da lieferst Du doch die Messlatte: wo
Zitat von OOK im Beitrag #1
liegt die Marke für das "good-enough"
? Darüber reden wir.

Sag' mal: gibt's in Gießen keine Bars? ...oder keine Bars mit Besuchern und Ausstellern der Veranstaltung?

Schönes Wochenende noch,
Reiner

Kabees240 Offline



Beiträge: 101

26.03.2017 03:38
#3 RE: Hyperrealismus antworten

Zum Inhaltlichen des Wortes Hyperrealismus: Dass ein Modell nicht in allen Punkten die Realität 1:1 wiedergeben kann, ist offensichtlich. Wer das möchte, hat Möglichkeiten vom Aufstellen eines Signals im Vorgarten bis zum Betrieb einer Museumsbahn. Bei einem maßstäblichen Modell, egal ob Fahrzeug, bauliche Anlagen oder Landschaft, stellt sich doch die Frage: was wirkt illusionszerstörend bzw. unglaubhaft? Das ist sicherlich nicht die ungestaltete Fahrzeugunterseite, soweit man Details nicht von der Seite deutlich erkennen kann. Und auch nicht die Bettung eines Bettungsgleises. D-Zugwagen auf 36 cm - Radien sehen einfach unglaubhaft aus; sieht man nur vom Inneren des Kreisbogens, werden sicher viele Betrachter bei 550 cm keine Bauchschmerzen mehr haben. Und bezüglich der korrekten Nachbildung der Schrauben der Kleineisen auf der Gleisinnenseite muss ich leider zugeben, dass ich mich noch NIE einer Modellbahnanlage mit der Lupe genähert habe, um so einen bleibenden Eindruck dieser Details in meinem Kopf zu erzeugen. Der von Dir, OOK, praktizierte Zugleitbetrieb ist sicher ein spannendes Spielelement, er dürfte aber den meisten Eisenbahnfans in dieser Form unbekannt sein, ein Gleisbildstellwerk dagegen ist allgemein bekannt. Illusionszerstörend sind für mich stehenbleibende Züge, entgleisende Loks und Wagen sowie die Eingriffe eines deus ex machina mittels Pinzette o.ä. im sichtbaren Bereich der Anlage. Nicht umsonst wurde von der Industrie für möglichst vieles von dem, was unsere unbelebten Preiserleins nicht erledigen können, eine elektromechanische Lösung entwickelt, die möglichst unsichtbar, z.B. unter- oder innerhalb der Gleisbettung, untergebracht wird..

Wenn man nun zum semantischen Teil deiner Kritik kommt: das deutsche "über" in "Übergröße" hat eine andere Bedeutung als in "übersinnlich" oder "übernatürlich" oder als "sur" in "surréalisme". "Überdetailliert" könnte man z.B. alles das nennen, was bei üblichem Betrachtungsabstand ohnehin nicht mehr erkennbar ist, "superdetailliert" wird dagegen als Auszeichnung verstanden. Die Vorsilbe "hyper" wird dagegen, vor allem in Medizin und Biologie (z.B.: Hypertonie, hypertroph als Steigerung von eutroph, hyperopie) auch bei negativen Eigenschaften verwendet. Und wenn Wikipedia als Ideal des Hyperrealismus als Kunstform eine "fotorealistische Übersteigerung" der Wirklichkeit nennt, finde ich das Anliegen von Hubert gut mit diesem Wort beschrieben.
Gruß
Hans

Fdl Triptis Offline




Beiträge: 177

26.03.2017 11:07
#4 RE: Hyperrealismus antworten

Hallo, meiner Meinung nach ist das eine Frage des Betrachtungsabstands. Bei einem Diorama ist der Abstand naturgemäß kleiner als bei einer raumfüllenden Anlage. Dementsprechend wird sich die "good enough"-Grenze verschieden einstellen.

In Triptis I habe ich ein interessantes Experiment gemacht, das ich den Nietenzähler-Test genannt habe: Ich habe zwei fast identisch ausgestattete C3pr-Züge, die sich zB im Bahnhof Triptis kreuzen und in dieser Situation gleichzeitig sichtbar sind. Die eingesetzten Roco-Wagen hatten eine Menge Zurüstteile, das Vervollständigen war ne Menge Arbeit. Ich habe also den einen Zug mit allen Teilen versehen, den anderen nur mit den wirklich auffällig/notwendigen. Dann habe ich auf Kommentare der Besucher gewartet.

Das Ergebnis: Keinem meiner Besucher im Verlauf von mehr als einem Jahrzehnt ist da was aufgefallen!

Andererseits: Wenn ich die Fotos von OOK's Om-Gleis sehe... Das verschiebt diese Grenze wieder in die andere Richtung.

Viele Grüße - Helmut

Pfalzbahn Offline




Beiträge: 1.487

26.03.2017 12:22
#5 RE: Hyperrealismus antworten

Zitat von Kabees240 im Beitrag #3
... Und bezüglich der korrekten Nachbildung der Schrauben der Kleineisen auf der Gleisinnenseite muss ich leider zugeben, dass ich mich noch NIE einer Modellbahnanlage mit der Lupe genähert habe, um so einen bleibenden Eindruck dieser Details in meinem Kopf zu erzeugen.

Danke Hans,

für deine Ausführung! Da brauche ich nur den Wikipedialink zum Hyperrealismus nachschieben!

Die Lupe ist gerade der Knackpunkt. Aus "Betriebsentfernung" Auge - Gleis, von ca 50 cm, ist mir persönlich der Unterschied zwischen Weinert und C-Gleis zu gering für den Aufwand.





Zitat von Fdl Triptis im Beitrag #4
Hallo, meiner Meinung nach ist das eine Frage des Betrachtungsabstands. Bei einem Diorama ist der Abstand naturgemäß kleiner als bei einer raumfüllenden Anlage. Dementsprechend wird sich die "good enough"-Grenze verschieden einstellen.

In Triptis I habe ich ein interessantes Experiment gemacht, das ich den Nietenzähler-Test genannt habe: Ich habe zwei fast identisch ausgestattete C3pr-Züge, die sich zB im Bahnhof Triptis kreuzen und in dieser Situation gleichzeitig sichtbar sind. Die eingesetzten Roco-Wagen hatten eine Menge Zurüstteile, das Vervollständigen war ne Menge Arbeit. Ich habe also den einen Zug mit allen Teilen versehen, den anderen nur mit den wirklich auffällig/notwendigen. Dann habe ich auf Kommentare der Besucher gewartet.

Das Ergebnis: Keinem meiner Besucher im Verlauf von mehr als einem Jahrzehnt ist da was aufgefallen!

Viel wichtiger für den Eindruck sind die Proportionen (Gleise: Abstände, Radien; Fahrzeuge; Abmessungen, Rahmenhöhe, ...) als die berühmten Details.
OT: Ein Aspekt übrigens den viele bei einer Diskussion zum Beispiel einer Neuheit unterbewerten. Dummerweise haben die Modelle mit den meisten Details allerdings meist auch die besten Proportionen! ;-)


Grüße Hubert

"Sir, we are surrounded!" - "Perfect, so now we can attack in every direction!"

OOK Offline




Beiträge: 3.501

27.03.2017 11:01
#6 RE: Hyperrealismus antworten

Zitat von Gilpin im Beitrag #2
Sag' mal: gibt's in Gießen keine Bars? ...oder keine Bars mit Besuchern und Ausstellern der Veranstaltung?
Keine Ahnung, vermutlich eh alles Studentenkneipen. Schon in dem Restauraunt, in dem Jaffa und ich zu Abend aßen, verdoppelte sich der Altersdurchschnitt durch unseren Eintritt. Und der Geräuschpegel ließ so gerade eben noch ein Gespräch zu.
Hinfahren (Freitagnachmittag durchs Ruhrgebiet!), Stand aufbauen, essen, das reichte allemal. Dass ich andererseits noch was gepostet habe, lag nur daran, dass ich überrascht feststellte, im Auto Internt zu haben.
OT-Ende.

OOK
http://ferrook-aril.jimdo.com/

OOK Offline




Beiträge: 3.501

27.03.2017 11:21
#7 RE: Hyperrealismus antworten

Hans, dein Beitrag ist sehr interessant, allerdings hast du einen wüsten Themenmix von fast weltanschaulichen Statements gebraut, der das Thema des Stranges zwar berührt, aber es dennoch sprengt. Einige davon wären eine eingehende Diskussion wert, aber in eigenen Strängen. Vielleicht greife ich da noch den einen oder anderen Punkt auf.

Zitat von Kabees240 im Beitrag #3
Bei einem maßstäblichen Modell, egal ob Fahrzeug, bauliche Anlagen oder Landschaft, stellt sich doch die Frage: was wirkt illusionszerstörend bzw. unglaubhaft?
Das ist sicher die Gretchenfrage, und doch gibt es viel mehr Antworten als deine absolut subjektiven und von mir zumeist nicht mitgetragenen Ansichten.

Zitat
Und bezüglich der korrekten Nachbildung der Schrauben der Kleineisen auf der Gleisinnenseite muss ich leider zugeben, dass ich mich noch NIE einer Modellbahnanlage mit der Lupe genähert habe

Könnte es nicht eher sein, dass du dir ein reales Eisenbahngeis noch nie richtig angeschaut hast? Das Gleis ist - meiner persönlichen Auffassung nach - die eigentliche Eisenbahn. Daher lohnt es sich, danach zu streben, es so realistisch wie möglich nachzubilden. Sonst kann ich ja gleich Brio-Holzgleisstücke verlegen, bei der heutigen Akku- und Funkttechnik kein Hindernis mehr. Wenn Helmut aber schreibt:

Zitat von Fdl Triptis im Beitrag #4
Andererseits: Wenn ich die Fotos von OOK's Om-Gleis sehe... Das verschiebt diese Grenze wieder in die andere Richtung.
soll das vermutlich anerkennend sein, aber ich weiß, dass ich anderenorts mit dem Gleis nicht punkten kann, weil ich z.B. darauf verzichte, Schienenunterlagplatten zu verwenden. Auch ich habe da eine good-enough-Linie.
Huberts Wahl-Gleis hingegen (Sorry Hubert, du forderst mich heraus, indem du dein Gleis nicht einfach verwendest, sondern in riesigen Bildern immer wieder plakatierst) erinnert vage an ein Eisenbahngeis. Man kann schon erkennen, was es sein soll, und funktionieren tut es natürlich, aber na ja ...

OOK
http://ferrook-aril.jimdo.com/

Kabees240 Offline



Beiträge: 101

27.03.2017 21:40
#8 RE: Hyperrealismus antworten

Zitat von OOK im Beitrag #7

Könnte es nicht eher sein, dass du dir ein reales Eisenbahngeis noch nie richtig angeschaut hast?

Aus deiner Frage entnehme ich, dass du den entscheidenden Punkt nicht verstanden hast: ein Modellgleis hat bei mir noch nie einen bleibenden Eindruck deshalb hinterlassen, weil die Muttern der Kleineisen nachgebildet waren. Das hat mit dem großen Vorbild überhaupt nichts zu tun. Dass dort z.B. Straßenbahngleise auf Holzschwellen und im Schotterbett anders befestigt sind als bei der Bundesbahn, ist mir seit über 45 Jahren bewusst.

Zitat von OOK im Beitrag #7
Das Gleis ist - meiner persönlichen Auffassung nach - die eigentliche Eisenbahn. Daher lohnt es sich, danach zu streben, es so realistisch wie möglich nachzubilden. Sonst kann ich ja gleich Brio-Holzgleisstücke verlegen, ...

Soll das ein Argument sein?
Wir reden hier sachlich über die Notwendigkeit, DETAILS nachzubilden, die man im Modell nur aus einer extremen Nahdistanz erkennen kann. Was hat das mit Gleisen einer Holzeisenbahn zu tun?

Gruß
Hans

tuxlover Offline



Beiträge: 159

27.03.2017 23:35
#9 RE: Hyperrealismus antworten

Guten Abend,

ich schließe mich der Auslegung von Hans an, dass hier "Hyperrealismus" im Sinne von "überdetailliert" zu verstehen ist. Ob wir den Begriff hier brauchen oder nicht, sei mal dahin gestellt. Er beschreibt aber auf jeden Fall einen Bereich, der jenseits der persönlichen "good-enough" Schwelle liegt. Dadurch, dass er diesen Bereich aber negativ bewertet, ist die Gefahr groß, dass sich andere angegriffen fühlen, bei denen diese Schwelle ganz wo anders liegt.

Zitat von OOK im Beitrag #7
Zitat von Kabees240 im Beitrag #3
Bei einem maßstäblichen Modell, egal ob Fahrzeug, bauliche Anlagen oder Landschaft, stellt sich doch die Frage: was wirkt illusionszerstörend bzw. unglaubhaft?
Das ist sicher die Gretchenfrage, und doch gibt es viel mehr Antworten als deine absolut subjektiven und von mir zumeist nicht mitgetragenen Ansichten.

Zitat
Und bezüglich der korrekten Nachbildung der Schrauben der Kleineisen auf der Gleisinnenseite muss ich leider zugeben, dass ich mich noch NIE einer Modellbahnanlage mit der Lupe genähert habe
Könnte es nicht eher sein, dass du dir ein reales Eisenbahngeis noch nie richtig angeschaut hast? Das Gleis ist - meiner persönlichen Auffassung nach - die eigentliche Eisenbahn. Daher lohnt es sich, danach zu streben, es so realistisch wie möglich nachzubilden. Sonst kann ich ja gleich Brio-Holzgleisstücke verlegen, bei der heutigen Akku- und Funkttechnik kein Hindernis mehr.



Hier legst du meiner Meinung nach genau die gleichen subjektiven Maßstäbe an, die du direkt darüber Hans zu recht ankreidest. Wenn man will, könnte man durchaus perfektionistischen Eisenbahnbetrieb mit Brio Gleisen machen. Und wenn man sich auf Fahrplanunterlagen und anderen Papierkram konzentriert, könnte eine Holzeisenbahn durchaus zur Illusion von Eisenbahn Betrieb ausreichen. Es ist halt die Konzentration auf "einen bestimmten Bereich".

Genau darum sehe ich auch keine Grund, Huberts Gleiswahl zu kritisieren. Der negative Hauch, der dem Begriff "Hyperrealismus" anhaftet, mag zwar Reflexe auslösen. Im Ursprungsbeitrag ging doch aber in keiner Weise darum anderen zu kritisieren. Er hat nur für sich festgestellt, was seinen Ansprüchen in diesem Bereich genügt. Jeder, der sich hier anders entscheidet, ist doch nicht besser oder schlechter.
Ich kann seine Entscheidung auch zu gewissen Teilen nachvollziehen:
- aus dem Betrachtungswinkel und Abstand fallen Rillenweiten, Zungengelenke und Kleineisennachbildungen wirklich nicht so stark auf
- wenn er so zu einem schnelleren und befriedigenden Baufortschritt kommt, ist doch wunderbar. Einen Schritte weiter vom Planen, Bauen in Richtung Betrieb
- die verfügbaren Radien wären nichts für meinen Geschmack. Er muss aber mit den Proportionen und dem optischen Anblick zufrieden ist, nicht wir.
- mich persönlich würde vor allem, der starre und überdimensionierte parallel Gleisabstand stören

Wie in einem anderen Strang erwähnt: der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

Gruß Michael

OOK Offline




Beiträge: 3.501

28.03.2017 04:32
#10 RE: Hyperrealismus antworten

Zitat von tuxlover im Beitrag #9
Wenn man will, könnte man durchaus perfektionistischen Eisenbahnbetrieb mit Brio Gleisen machen. Und wenn man sich auf Fahrplanunterlagen und anderen Papierkram konzentriert, könnte eine Holzeisenbahn durchaus zur Illusion von Eisenbahn Betrieb ausreichen. Es ist halt die Konzentration auf "einen bestimmten Bereich".
Dem stimme ich hundertprozentig zu. Nicht zustimmen würde ich, wenn einer, der das tut, von Hyperrealismus sprechen würde, wenn jemand anders Gleise verwendet, die visuell deutlich näher am Vorbild liegen.

Zitat
Genau darum sehe ich auch keine Grund, Huberts Gleiswahl zu kritisieren.... Er hat nur für sich festgestellt, was seinen Ansprüchen in diesem Bereich genügt. Jeder, der sich hier anders entscheidet, ist doch nicht besser oder schlechter.

Ich kritisiere Huberts Gleiswahl auch nicht, nein, wirklich nicht. Es gilt lediglich mein oben zum Briogleis gesagter Satz.

Um die Hyperrealismus-Diskussion mal ein wenig vom Thema Gleis wegzulenken, zwei andere Beispiele:
a) Fichten, b) Gras
Das sind zwei Bereiche, in denen ich (mal wieder) voll neben dem mainstream liege. ad a): Ich finde Flaschenbürstenfichten furchtbar und würde sie allenfalls in der dritten Reihe verwenden, wo nur noch ihre Farbe wirkt. Und aus diesem Grunde treibe ich einen ziemlichen Aufwand, um einigermaßen "natürlich" aussehende Fichten zu produzieren.
ad b): Ich verwende zur Gestaltung von Gras nicht die heute so modernen elektrostatisch aufgerichteten Fasern, die als state of the art gelten, sondern feinste Schaumflocken. Und - jetzt darf gegrins werden - die Begründung borge ich bei kabees: Aus dem normalen Betrachtungsabstand von gut 20m (also 50 cm im Modell) kann man die Halme nicht unterscheiden, insbesondere nicht, wenn man den Harz kurz nach der Schneeschmelze darstellt, wo man selbst aus 2m Abstand (in der Realität) keine Halme sieht.
Wie man sieht, liegt meine good enough-linie mal höher und mal niedriger als die generelle.

OOK
http://ferrook-aril.jimdo.com/

Kabees240 Offline



Beiträge: 101

28.03.2017 11:30
#11 RE: Hyperrealismus antworten

Zitat von tuxlover im Beitrag #9

Wenn man will, könnte man durchaus perfektionistischen Eisenbahnbetrieb mit Brio Gleisen machen. Und wenn man sich auf Fahrplanunterlagen und anderen Papierkram konzentriert, könnte eine Holzeisenbahn durchaus zur Illusion von Eisenbahn Betrieb ausreichen. Es ist halt die Konzentration auf "einen bestimmten Bereich".
...
Gruß Michael


Michael, wenn du diesen Gedanken konsequent weiterentwickelst, kommst du natürlich darauf, dass man zur Darstellung des Zugleitbetriebes gar kein körperliches Modell benötigt. Für eine entsprechende Schulung kann man sicher einfacher eine Computersimulation benutzen.

Gruß
Hans

tuxlover Offline



Beiträge: 159

28.03.2017 12:58
#12 RE: Hyperrealismus antworten

Hallo,

Zitat von OOK im Beitrag #10
Zitat von tuxlover im Beitrag #9
Wenn man will, könnte man durchaus perfektionistischen Eisenbahnbetrieb mit Brio Gleisen machen. Und wenn man sich auf Fahrplanunterlagen und anderen Papierkram konzentriert, könnte eine Holzeisenbahn durchaus zur Illusion von Eisenbahn Betrieb ausreichen. Es ist halt die Konzentration auf "einen bestimmten Bereich".
Dem stimme ich hundertprozentig zu. Nicht zustimmen würde ich, wenn einer, der das tut, von Hyperrealismus sprechen würde, wenn jemand anders Gleise verwendet, die visuell deutlich näher am Vorbild liegen.


hier will ich einhaken, der Begriff Hyperrealismus funktioniert ja immer nur in Abgrenzung zu den eigenen Ansprüchen. Wenn der Brio Bahner das nun über den C-Gleis Bahner sagt, wirkt das selbstverständlich ziemlich absurd. Ist ja auch ein extremes Beispiel. Grundproblem bleibt, dass dieser Begriff negativ intendiert ist und abgrenzt. Von daher unterstreiche ich deine Startaussage dieses Stranges, dass man diesen Begriff nicht braucht. Wohingegen eine Diskussion über die dahinter stehende Intention und die individuelle "gut genug Grenze" sicherlich interessant ist.

Ich finde es wichtig festzuhalten, dass diese Grenze des persönlichen Anspruchs je nach Modellbahn-Gebiet ganz unterschiedlich liegen kann. Also im Gleisbau, Fahrzeugdetaillierung, Alterung, Landschaftsbau, Betrieb oder in welchem Bereich auch immer.
Auch ist es unabhängig davon, ob man das gesamte Ensemble einer Modellbahn als stimmig betrachtet oder nicht. Will man dies erreichen, so würde ich persönlich sagen, ist Überdetaillierung in nur einem Bereich nämlich durchaus hinderlich, da dann auffällt das der Rest deutlich hinter dem Niveau zurück bleibt.
Damit will ich zum Thema dieses Forums zurück kommen. Was die Nachbildung der Eisenbahn Betriebsabläufe angeht, so ist dies sicherlich unabhängig von der optischen Ausgestaltung einer Modellbahn. Geht es nun um das Design einer glaubwürdigen / stimmigen Darstellung, so spielen hier die individuellen Anspruchsgrenzen eine Rolle. Wir haben hier im Forum dazu zwar schon eine Design Philosophie entwickelt, die aber sicherlich nicht allgemein gültig ist.

@OOK ich will jetzt deinen Brio Satz nicht weiter auf die Goldwaage legen. Du hast ja versucht explizit darauf hinzuweisen, dass es deine persönliche Auffassung in dem Satz ist. Ich habe ihn beim Lesen aber trotzdem auch als persönlichen Angriff auf Hans wahr genommen. Tut mir leid, wenn ich da gerade etwas sensibel bin. Aber nachdem ich in einem anderen Forum, gerade ein Ausufern von negativer Diskussionskultur erlebe, konnte ich das nicht unkommentiert stehen lassen. Ich bin mir sicher, dass ich es hier schärfer wahr genommen habe, als deine Intention beim Schreiben war.

Viele Grüße
Michael

OOK Offline




Beiträge: 3.501

28.03.2017 14:46
#13 RE: Hyperrealismus antworten

Was Hans geschrieben hat, ist zwar eigentlich schon wieder ein anderes Thema, aber es ist problematisch, in einem Strang, in dem man mitdiskutiert, als Moderator zu agieren. Also lasse ich es hier laufen und diskutiere lieber.

Zitat von Kabees240 im Beitrag #11
Michael, wenn du diesen Gedanken konsequent weiterentwickelst, kommst du natürlich darauf, dass man zur Darstellung des Zugleitbetriebes gar kein körperliches Modell benötigt. Für eine entsprechende Schulung kann man sicher einfacher eine Computersimulation benutzen.
Das ist absolut richtig. Und da du mir diese Steilvorlage gibst, schieße ich geich mal das Tor dazu und berichte, dass der Zugleiter beim Betrieb auf der BAE (und vermutlich bei jeder anderen Anlage, die ihn hat, auch) der absolut realistischste Job von allen ist. Wenn er per Fernsprecher* die Zugmeldungen und Fahranfragen erhält, macht es überhaupt keinen Unterschied, ob es da um einen 1:1-Zug geht oder einem in irgendeinem Modellmaßstab. Insofern könnte man die physische BAE glatt durch eine Computersimulation ersetzen. Machen wir aber nicht, weil wir genauso gerne bauen, gestalten und Betrieb machen, als Tf, als Fdl und als Zl.

So, das war nun sicher meilenweit OT, aber so läuft es hier halt gerade.

*Der BAE-Zl sitzt in einer anderen Etage als die Anlage und sieht die Züge, die er leitet, nicht - wie ein richtiger Zugleiter halt.

OOK
http://ferrook-aril.jimdo.com/

OOK Offline




Beiträge: 3.501

28.03.2017 14:54
#14 RE: Hyperrealismus antworten

Zitat von tuxlover im Beitrag #12
Ich finde es wichtig festzuhalten, dass diese Grenze des persönlichen Anspruchs je nach Modellbahn-Gebiet ganz unterschiedlich liegen kann. Also im Gleisbau, Fahrzeugdetaillierung, Alterung, Landschaftsbau, Betrieb oder in welchem Bereich auch immer.
Auch ist es unabhängig davon, ob man das gesamte Ensemble einer Modellbahn als stimmig betrachtet oder nicht. Will man dies erreichen, so würde ich persönlich sagen, ist Überdetaillierung in nur einem Bereich nämlich durchaus hinderlich, da dann auffällt das der Rest deutlich hinter dem Niveau zurück bleibt.


Dazu fällt mir ein, was Tony Koester im Railroad Model Craftsman schrieb, nachdem er zum ersten Mal Allen Mc Clellands V&O-Anlage gesehen hatte. Ich zitiere mal aus dem Gedächtnis: "Da war nichts besonders Hochkarätiges, keine Modelle, die Preise gewinnen könnten, keine superdetaillierten Fahrzeuge. Alles so, wie die meisten Modellbahner es auch könnten. Das Besondere an der Anlage war die durchgehende Stimmigkeit, die Kohärenz, von der Landschaft über die Gebäude und den Fahrzeugen bis hin zum Fahrplanbetrieb. Alles passte zueinander. Das nenne ich hervorragend."
Am anderen Ende der Messlatte wären dann Anlagen, wo teure Lokomotiven der Messing-Spitzenklasse auf Sperrholzplatten im Kreise herumfahren. Na ja, das muss ich hier keinem erzählen.

OOK
http://ferrook-aril.jimdo.com/

Solwac Offline



Beiträge: 45

28.03.2017 17:19
#15 RE: Hyperrealismus antworten

Wie wäre folgende Anlage im Hinblick auf Hyperrealismus zu charakterisieren?

Dargestellt wird ein kleiner Endbahnhof mit schönem Gleismaterial, passenden Gleislängen und gut detaillierter Landschaft. Gebäude, Beschriftungen, Fahrzeuge, Figuren usw. stellen gelungen die 70er-Jahre in der DDR dar. Eingesetzt werden Fahrzeuge wie Wittfeld-Akku, Nachkriegsgüterwagen usw., ingesamt alles Epoche IIIa der DB. Und abgewickelt wird ein Verkehr wie bei der Reichsbahn der 30er Jahre. Jede der drei Komponenten ist im Rahmen des technisch machbaren hochwertig und liebevoll im Detail, entstammt aber einer anderen Epoche. Der Gegensatz DB-Rollmaterial und DDR-Ausgestaltung ist augenfällig, aber sowohl Landschaft wie Rollmaterial passen gut auf eine ehemals preußische Nebenbahn nahe der innerdeutschen Grenze.

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